Brexit, Trump, Renzi…

Wenn unsere EU nicht vollständig vor die Wand fahren soll muss schnell etwas passieren. Vorschläge:

  • Weihnachtsansprache des amtierenden Ratspräsidenten englisch mit Untertiteln live übertragen und gestreamt in alle Mitgliedsstaaten.
  • Einheitliches Post- und Telekommunikationswesen. Wenn der Bürger etwas von den Vorzügen der EU bemerken soll, dann z.B. indem er seine Weihnachtsgeschenke Europaweit zu einheitlichen Versandkosten bestellen kann.
  • Work-and-Travel: Alternativ zu einem Jahr in Australien oder Neuseeland können Schulabsolventen 12 Monate in 27 verschiedenen Ländern unkompliziert und steuerfrei arbeiten.
  • Europäischer Feiertag. Zur minimierung des Volkswirtschaftlichen Schadens verzichtet jedes Land auf einen Feiertag und feiert stattdessen am 21. Juni den europäischen Einheitstag, zugleich Sommeranfang und längster Tag des Jahres. Die Europäer bringen dann Campingtische und -stühle in die Fußgängerzonen und bilden lange Tafeln.
  • Europäisches Werte-Mantra nach Art der französischen Revolution, aber in morderner Zeit: Z.B. „Warmherzigkeit, Toleranz, Gleichheit“ auf Euro-Münzen und -Scheinen.
  • Europaweit ausgestrahlte und gestreamte wöchtentliche Nachrichtensendung, Englisch mit Untertiteln.

Populismus, was hilft gegen?

Eine große deutsche Wochenzeitung zeigte im Zuge von Brexit/Trump/Renzi auf Ihrem Titel eine Zeichnung umfallender landesfarbiger Dominosteine, die ein Mensch aufzuhalten versucht. Darüber prangte die Frage: „Was hilft gegen den Populismus?“.  Diese Frage, die sich wohl viele in dieser Zeit stellen dürften, wird der Auflage zumindest nicht geschadet haben.

Enttäuschend leider sind die im Innern erhofften Antworten. Neben aller zweifellos richtigen gesellschaflichen Betrachtung von Politikverdrossenheit, political correctness und allgemeinen Umgangsformen wird der Hauptfaktor für den gegenwärtigen Erfolg der extremen Rechten völlig außer Acht gelassen: Social Media.

Wer immer das Wort „social“ in diesem Zusammenhang aufbrachte hatte ein Gespür für Euphemismen, aber das steht auf einem anderen Blatt. Tatsache ist: Eine noch so haarsträubende Meinung oder Falschmeldung hat auf Facebook innerhalb von Stunden mehr „Likes“ als alle fünf überregionalen deutschen Tageszeitungen zusammen verkaufte Exemplare in einer Woche.

Es ist diese krasse Reichweitenverschiebung zugunsten der nicht differenzierten Äußerung und unbestätigten Nachricht, die Populismus entscheiden beflügeln. Hinzu kommt der für jede gute Suchmaschine, jedes Videoportal und jede Chatplatform typische, für den Erfolgt überaus wichtige und folglich erstaunlich gut funktionierende Algorhythmus, genau das zu zeigen, was man sehen möchte.

Fast schon niedlich, wie konventionelle Medien versuchen, da noch mitzukommen. Amerikanische Journalisten stellen sich mittlerweile öffentlich die Sinnfrage, wenn ihre Aufgabe offenbar nur noch darin besteht, den neusten haarsträubenden Trump-Tweet irgendwie zu deuten oder einzuordnen. Zu Recht, denn es ist mit sachlicher Herangehensweise nicht möglich.

US-Wahlkrampf & Fox News

Wir glauben, die Amerikaner zu kennen, schließlich haben wir doch YouTube. Wir glauben auch zu wissen, was Fox News ist, denn wir kennen Chris Wallace und Bill O’Reilly. Sogar Letzterer wirkt jedoch wie ein integerer Top-Journalist gegen das, was das die „Prime Time“ dieses Senders an einem Samstagabend bestreitet.

Dass man entgegen dem Begriff „News“ im Namen des Senders nicht den Anflug eines Interesses an einer ausgeglichenen Berichterstattung, geschweige denn eine entfernte Ahnung eines Verantwortungsgefühls als öffentlicher Fernsehsender hat zeigt sich in Sendungen wie „Watters‘ World“ mit Jesse Watters.

Hat man diese hierzulande völlig unvorstellbare zynische Einseitigkeit überstanden und hält sie für kaum noch zu übertreffen, wird man mit Jeanine Pirro’s „Justice with Judge Jeanine“ schnell eines Besseren belehrt. Diese Ex-Richterin des Staates New York ist nichts weniger als eine Demagogin, die einen nach kurzer Zeit an unser drittes Reich zurückdenken und erschauern lässt.

Fox News wäre das bessere Comedy Central, ginge es dort um Comedy oder Satire. Selbst RTL2 wirkt dagegen wie Hochkultur. Wie ist das möglich fragt man sich, in the „greatest nation in the world“, als die man sich jenseits des Atlantiks unbeirrbar empfindet?

Hoffentlich kann die schon immer – vorsichtig gesagt – angloamerikanisch „geprägte“ hiesige Fernsehlandschaft ihrem Vorbild und Führungsmacht in Dekadenz und Degeneration bei der Nachahmung hier ausnahmsweise widerstehen.

Wie also sind Phänomene wie Trump und Fox News möglich? Etwas wie Fox News hätten wir längst auch hier, würde man die Fernsehfritzen nur machen lassen. Zum Glück tut man das nicht. Auch gibt es scheinbar doch noch letzte Regeln des Anstands und der Würde. Aber das ist, wie alles, nur eine Frage der Zeit.

Trump auf der anderen Seite erscheint als logische Konsequenz wenn vernünftige Schulbildung Geld und gute Ausbildung ein Vermögen kostet. Sein Aufstieg fällt bezeichnenderweise zusammen mit dem ersten Schuljahrgang, in dem weiße Amerikaner die Minderheit darstellen. Auch wenn die Inkubationszeit der Dummheit hier etwas länger erscheint, dürfte da noch einiges auf uns zu kommen.

 


Auto Europe no more

Man soll außer Grüßen nichts aus dem Urlaub schreiben. Wenn doch, dann nur mit trifftigem Grund. Ein solcher könnte sein, wenn man als Familie mit zwei kleinen Kindern durch reine Willkür in eine Zwangs- und Notlage gerät.

Per Internet buchen wir unsere Reisen, dort tummeln sich sogenannte „Vermittlungs-Platformen“. Sie suggerieren günstigere Preise als direkt beim Anbieter, obwohl sie von diesen noch saftige Provisionen kassieren. Ihre Leistung besteht allein in ihrer penetranten Präsenz auf den Suchmaschinen.

Niemand außer den eigenen Anwälten liest das kleingedruckte von beispielsweise Mietwagenvermittler „Auto Europe“. Und wehe, WEHE irgendetwas läuft schief und etwas Kundenservice wäre notwendig. Dann gerät man eh man sich versieht in den grausamen Schlund eines juristisch bestens abgesicherten Ungeheuers.

Ankunft Flughafen Neapel bester Laune. Alle Stationen der Reise trotz abgelaufenem Personalausweis problemlos passiert. Der Mietwagenverleiher jedoch schaltet sofort auf stur. Ein Anruf beim Vermittler Auto Europe ergibt knapp, dass man nichts tun könne und im Übrigen der in voller Höhe lange im voraus gezahlte Preis verloren sei.

Auf Nachfrage, wo dieses Geld nun sei und was damit geschähe gerät die Mitarbeiterin in einen hektischen, nicht mehr zu unterbrechenden Redefluss und legt irgendwann einfach auf. Weitere Anrufe bestätigen den Totalverlust und verweisen auf die AGB. Im Übrigen sei man nicht zuständig, entscheidungsbefugte Mitarbeiter von Auto Europe können leider nicht ans Telefon kommen.

Es blieb nur, alle Kreditkarten und alle Barmittel auf den Tisch zu legen und ein neues Auto zu mieten. Wer sich derlei ersparen will, macht zukünftig einen weiten Bogen um Auto Europe. Will man nicht die Preise der internationalen Autovermieter bezahlen, so rufe man halt beim örtlichen Unternehmen an.

Bei Autovermietern spricht man generell gutes Englisch. Auch wird man dort problemlos den von den Vermittlern beworbenen Preis erhalten, da so keine Provision anfällt. Der ganz entscheidende Vorteil aber: Man zahlt erst bei Abholung, nicht im Voraus. Kein windiger Vermittler betätigt sich als „Zwischen-Inkasso“. Bei jeder Störung zahlt man einfach nicht sondern geht zum Mietwagenschalter nebenan. Niemand braucht Auto Europe.

Merkel und Hollande auf Ventotene, armes Europa

Die Granden sind aus dem sechswöchigen Sommerurlaub zurück, in den ungünstigerweise der Brexit viel. Nun wird sich eifrig und auf Außenwirkung bedacht getroffen. Vom Urlaubsort bedeutete man den Referenten, einen geschichtsträchtigen Ort zu organisieren, an dem nun „über die Zukunft Europas“ konferiert wird.

An der Auswahl der Insel Ventotene, wo 1941 das Manifest „Für ein vereintes Europa“ entstand, haben die Pressereferenten sicher eifrig gearbeitet. Leider können auf der 739-Einwohner aber keine Flugzeuge landen, weswegen man sich halt auf einem flux davor geankerten Flugzeugträger trifft.

Wenn das – Frau Merkel benutzt diesen Begriff ja gerne – die „Handschrift“ der Reaktion auf den für Europa absolut katastrophalen Austritt seiner zweitgrößten Volkwirtschaft ist, dann gute Nacht. Verstanden wurde offenbar, dass die europäische Idee solange vor sich hin gewurschtelt wurde, bis die Europäer sie ihrerseits nicht mehr begreifen können.

Nicht verstanden wurde, dass ein Gebilde wie Europa nur mit einer starken und einenden Führung überleben kann. Das Verständnis dessen ist auch nicht zu erwarten, da sich keine geeignete Person unter den dreien befindet, die sich heute zum Kaffee  treffen.

Die aktuelle Krise ist, etwas vereinfacht schnell zusammengefasst: Hinter dem Brexit steckt die Flüchtlingskrise, hinter der Flüchtlingskrise steckt Erdogan, hinter Erdogan steckt wahrscheinlich Putin, in ihm die Ukraine-Krise und hinter der Ukraine-Krise steckt die EU mit ihrem vermaledaiten Assoziierungsabkommen.

Und so wird es weitergehen, nimmt nicht eine kluge und entschlossene Kraft bald das Ruder in die Hand. Frau Merkel ist diese Kraft, bei allem Respekt, leider nicht. Wenn man keine Probleme lösen kann, soll man nicht Kanzlerin werden. Der Wähler könnte sich außerdem fragen, ob er dabei zusehen möchte, wie sie beim Kaffeekränzchen in Italien Europa weiter vor die Wand fährt.

 

 

 

 

DDIM – Didn’t Do It Myself

Sagenhaft! Wie slick es hier aussieht… Das Verrückte dabei: Ich habe NICHTS getan! Ging völlig automatisch per nächtlichem WordPress-Update. Nichts mehr zu tun ist ein Trend, der zusammen mit dem neuen Look dazu inspiriert, nach fast drei Jahren mal wieder was zu schreiben.

Erstens: New Yorks tausendfach postkartengeschädigte und trotzdem immer wieder anheimelnde Skyline in edlem schwarzweiß, etwas überbelichtet, nach Süden blickend. Wenn mich nicht alles täuscht ist das Empire State an der 34sten Straße zwischen 5ter und 6ter Avenue. Ergo könnte das Foto von einem Gebäude z.B. an der 42sten Straße aufgenommen sein, neben der 34sten eine der wenigen, auf denen man in beide Richtungen fährt.

Habe ich das Foto aufgenommen? Bin ich ein cooler New Yorker mit eigenem Blog? Absolut nicht, ich schmücke mich nur mit fremden Federn, die ich in diesem Fall noch nicht mal selbst aussuchen musste. Sie sind einfach da und ich sehe damit gut aus. Hätte ich nicht zufällig nachgesehen würde ich es noch nicht einmal bemerken.

In 2016 setzt sich ein Trend fort: Man braucht rein gar nichts mehr selbst zu denken oder schaffen um sich zu profilieren oder auch nur im Straßenverkehr zurecht zu finden. Noch nicht mal einn Suchbegriff muss man zuende schreiben, es ist einfach alles hochglänzend schon fertig. „User Generated Content“ weicht „Prefab Slickness“, denn die meisten User können ja in Wahrheit selbst gar nichts generieren oder kreiren, viele nicht mal kopieren.

Man muss andersherum betrachtet mit viel Willenskraft gegen immer wieder aufkommende Impulse das Navi ausgeschaltet lassen um sich zu erinnern, dass man auch noch selbst von Hamburg nach Köln findent und zurück. In zehn Jahren wird man sich dagegen mit Unglauben und Verwunderung an die Zeiten erinnern, als man sein Auto noch selbst steuern musste.

Und dann das ganze Profilieren, Schlüsseltätigkeit des modernen Menschen in einer Industriegesellschaft. Das Smartphone macht einem anhand des Bewegungsprofils automatisch ein cooles Hollywood-Style Reisetagebuch mit Karten und Fotos, fertig zum „teilen“. Hat man, wo immer man auch war mit dem Telefon ein paar kurze Videos gedreht, entsteht über Nacht ein professionell nachbearbeiteter und geschnittener Film unterlegt mit Musik, die man gemäß des eigenen Hörprofils mag. Und das schlimmste ist: Es funktioniert.

Die Mega-Industrie hinter der Produktwelt bedient schon immer den Markt der menschlichen Passivität. Am besten verkauft sich, was das Leben bequemer macht und einen gut aussehen lässt. Erstaunlich spät überträgt sich das nun in die Online-Welt, in der man bisher ja noch irgendwie aktiv sein muss und sei es nur, indem man mal einen lustigen Halbsatz bei Facebook postet.

Wer oder was einen ohne etwas dafür zu verlangen gut aussehen lässt, zu dem entwickelt man eine erstaunliche Loyalität, in dessen Nähe hält man sich naturgemäß gerne auf. Teilt sich aber nun die Menschheit noch stärker in passive Verbraucher und Kreative in der Industrie, die alles schon vorgekaut fertig haben? Wird man noch jemals liebevoll ein Fotobuch von einer Reise zusammenstellen, wenn es schon längst fertig mit neuster cooler Indie-Musik auf dem Server liegt oder Website schon mit impress.ly zusammengestellt ist?

Vielleicht – und das ist wie alles hier nur eine unmaßgebliche Meinung – wird die Fähigkeit selbst zu denken und zu handeln in Zukunft noch seltener und damit wertvoller. So wie in den 90ern der computeraffine Bekannte gesellschaftlich die Rolle des Autobastlerkumpels übernahm („Schatzi, ich mach‘ dir dein Auto!“), so könnte einen in Zukunft die Fähigkeit, ein Bild zu malen, einen Schraubenzieher am richtigen Ende anzufassen oder ein Auto selbst zu steuern zu einem Teil einer gesellschaftlichen Elite werden lassen.

Lexware Financial Office Pro schafft Updates ab

Hauffe, Freiburger Verlag hinter der Marke Lexware und Anbieter betrieblicher Software-Produkte im semiprofessionellen Bereich hat für 2014 seine Zwangs-Updates abgeschafft. Der Nutzer des Flagschiff-Prdukts „Financial Office Pro“ musste z.B. bisher – wohlgemerkt ohne darauf beim Erstkauf jemals hingewiesen worden zu sein – zweimal im Jahr im Juni und Dezember ein kostenpflichtiges Update erwerben, das preislich bei etwas über der Hälfte des Vollproduktes lag. Als Begründung werden stets „gesetztliche Gründe“ angegeben, die bei näherem hinsehen die Kosten keineswegs rechtfertigen. Die weitere Nutzung ohne Update war nicht möglich.

Lexware hat diese unlautere Praxis nun endlich aufgegeben, was wohl kaum freiwillig geschehen sein dürfte. Stattdessen muss der Nutzer nun jedes Jahr eine neue Vollversion kaufen und wird – oh Wunder – nun schon vor dem ersten Kauf darauf hingewiesen. Natürlich klingt dies in der eigenen Beschreibung dann ganz wunderbar, von „vielen Vorteilen“ ist die Rede, es sind im Gegensatz zu vorher genau gar keine, und davon, dass dieses „neue“ Lizenzmodell „voll fair“ sei.

Wer sich diese Softwareprodukte mal von innen anschaut wird sich weit weniger fair behandelt fühlen sondern stattdessen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wären die Produkte der Freiburger doch nur halb so gut wie ihr stets vollmundiges Marketing.

Edward Snowden, der NSA, Lügen und Videoband

Denkt endlich mal jemand einen Meter weiter und versteht, was uns hier gerade passiert? Das ganze schöne Internet eine einzige große Abhörmaschine. 500 Millionen deutsche Verbindungsdaten monatlich direkt an die Amis. Warum nicht gleich alle, oder sind das am Ende schon alle? Auch egal. Es macht keinen Spaß mehr, das Netz zu nutzen und neue, schöne Sachen dafür zu entwickeln. Man hat Lust, seinen Computer wegzuschmeißen und sich wieder eine Schreibmaschine zu kaufen.

Klar muss jedem spätestens an diesem Punkt sein: Es wird alles getan, was technisch möglich ist. Dieser Satz verdient es, wiederholt zu werden: Alles was technisch möglich ist wird getan. Noch unbestätigt – mal sehen was als der Guardian als nächstes bringt – aber nur folgerichtig ist, dass die amerikanischen Betriebssystemhersteller nicht erst seit dem Patriot Act für die eigenen Geheimdienste Hintertüren vorsehen. Frau Merkel weiß schon (oder wahrscheinlich auch nicht, aber das ist wieder ein anderes Thema), warum sie kein iPhone hat.

Dies würde zumindest erklären, warum der berühmte Bundestroyaner in Deutschland entwickelt werden musste. Es gab mangels Bedarf schlicht keine entsprechenden Produkte aus den USA, die man statt dessen hätte anschaffen können. Was bedeutet eine Hintertür in einem Betriebssytem? Vollzugriff auf alle Daten und Funktionen, Kameras, Mikrofone, Sensoren, GPS. Wieviele nicht-amerikanische Betriebssystem für Recher und Smartphones kennen wir? Na gut, wir kennen ein paar, aber wieviele kennt der normale Verbraucher?

Leider reiht sich der weltgrößte Datenskandal, wenn er denn mal als solcher wahrgenommen wird nahtlos in die Reihe der vielen anderen Legenden. Lance Armstrong hat nie gedopt. Der Irak hatte Massenvernichtungswaffen. Die Berliner Demonstranten waren selbst Schuld am Tod Benno Ohnesorgs. Kernkraft ist sicher. Die Geheimdienste verstoßen nicht gegen geltendes Recht. In Fukushima gab es keine Kernschmelze. Es lohnt sich mitunter, offiziellen Versionen der Wahrheit erstmal per se zu misstrauen, denn so vieles entpuppt sich irgendwann als eine einzige, riesengroße Lüge. Noch sind die Gedanken frei.

Die immer noch große öffentliche Gelassenheit im Umgang mit diesem Thema aber verwundert wenn man sich darüber klar wird, wer uns da eigentlich abhört. Edward Snowden ist ein sehr, sehr mutiger Mann. Gleiches gilt für Chelsea (Bradley) Manning, die/den man nur noch bei der neuzeitlichen medialen Hinrichtung, dem Perp-Walk sieht.

Deutsche Telemedien Inkasso GmbH, DTMI

Die „Deutsche Telemedien Inkasso GmbH“ ist eine dieser erstaunlichen Firmen, die die Telefongebühren der ebenso erstaunlichen TV-Hotlines einzutreiben versuchen. In Ländern wie der Schweiz sind die Zeiten von „Mehrwertdiensten“, „Premium Rate Numbers“, „Hard To Reach“ oder wie man horrend teure Telefonnummern sonst noch elegant umschreibt längst vorbei weil verboten.

In Deutschland erfreut sich die Branche dagegen weiterhin großer Freiheit. Selbst das Öffentlich Rechtliche Fernsehen veranstaltet häufig „Gewinnspiele“ für „nur 49 Cent pro Anruf“. Folgend aber eine kleine persönliche erlebte Geschichte samt Schriftwechsel als heiterer Ausflug in die Sprache der erstaunlichen Inkasso-Welt. Falls jemand unter den Lesern mal sein eigenes „Institut“ eröffnen möchte findet er darin sicher interessante Anregungen.

Mein Großvater hatte irgendwann in einer schlaflosen Nacht dem armen TV-Mädchen vor der damals noch neuartigen Rätselwand die Lösung ihrer mäßig schweren Rechenaufgabe zu verraten versucht. Natürlich erreichte er nur ein Band, denn dem Mädchen war alle Mathematik in Wirklichkeit ganz egal und die Sendung wahrscheinlich sowieso nur eine Aufzeichnung.

Die 1,78 Euro Gebühren für diesen Anruf wären mit Sicherheit wie alles andere sofort von ihm bezahlt worden, hätte es da nicht irgendeine heute nicht mehr herauszufindende Besonderheit gegeben. Mehr als zwei Jahre später jedenfalls, mein Großvater hatte inzwischen das Zeitliche gesegnet, schrieb ihm die Deutsche Telemedien Inkasso GmbH, DTMI:

Ãœberfällige Forderung aus der Nutzung der […] über Ihren Telefonanschluss […] abgerechnet von der […] GmbH über Ihre Telekom-Rechnung vom […], Rechnungsnummer […]

Sehr geehrte(r) Frau/Herr […],
trotz unseres ersten Aufforderungsschreibens von vor 2 Wochen wurde die im Betreff dieses Scheibens näher bezeichnete Forderung unserer Klientin ohne Rechtfertigungsgrund nicht beglichen. Damit wurde die Chance vertan, die Angelegenheit schnell, unbürokratisch und kostengünstig zu erledigen.

Ursprünglich belief sich die Forderung auf EUR 1,78. Wie Sie oben abgedruckter Forderungsaufstellung entnehmen können, ist die Forderung gegen Sie aufgrund Ihrer Nichtzahlung mittlerweile auf 42,03 angewachsen.

Bestandteil des weiteren Spezialinakassoverfahrens ist unter anderem grundsätzlich auch eine Meldung überfälliger, unbestrittener Forderungen an Gläubiger-Schutzverbände. Hierzu verweisen wir auf die unten abgedruckten SCHUFA-Informationen.

Weitere Inkassoschritte können unterbleiben, wenn die offene Gesamtforderung von EUR 42,03 bis spätestens zum […] an uns überwiesen wird.

Sollten wir bis zu diesem Zeitpunkt keine positive Reaktion Ihrerseits erhalten, müssen wir weitere juristische Mittel ausschöpfen, um unserer Klientin zu Ihrem – von Ihnen geschuldeten – Geld zu verhelfen.

SCHUFA-Information
Wir weisen darauf hin, dass wir Daten über außergerichtliche bzw. gerichtliche Einziehungsmaßnahmen bei überfälligen und unbestrittenen Forderungen an die SCHUFA HOLDING AG, Kormoranweg 5, 65201 Wiesbaden übermitteln. Soweit nach Übermittlung dieser Information solche Daten aus anderen Vertragsverhältnissen bei der SCHUFA anfallen, können wir hierüber ebenfalls Auskünfte erhalten. Vertragspartner der SCHUFA sind vor allem Kreditinstitute sowie Kreditkarten- und Leasinggesellschaften. Daneben erteilt die SCHUFA auch Auskünfte an Handels-, Telekommunikations- und sonstige Unternehmen, die Leistungen und Lieferungen gegen Kredit gewähren. Die vorgenannten Datenübermittlungen dürfen nach dem Bundesdatenschutzgesetz nur erfolgen, soweit dies nach der Abwägung aller betroffenen Interessen zulässig ist.

Bei der Erteilung von Auskünften kann die SCHUFA ihren Vertragspartnern ergänzend einen aus ihrem Datenbestand errechneten Wahrscheinlichkeitswert zur Beurteilung des Kreditrisikos mitteilen (Score-Verfahren).

Weitere Informationen über die SCHUFA erhalten Sie unter www.meineschufa.de.

Ein fast schon virtuoses Anschreiben! Intensiver kann man innerhalb einer einzigen A4-Seite wohl kaum auf deren Empfänger einwirken. „Aufforderungsschreiben“ ist direkt eine hervorragende, wenn auch auf den zweiten Blick sinnfreie Wortschöpfung. „Rechtfertigungsgrund“ gibt es als Wort eigentlich so auch nicht, drückt aber in seiner Länge so schön auf die Moraldrüse. Und jetzt kommt’s: Wir haben eine Chance vertan! Das erfüllt mit Wehmut. (Und lässt die Erinnerung wach werden an eine Fernsehwerbung für Gedenkmünzen zur Deutschen Einheit mit „garantierter Wertsteigerungs-Chance“, „bestellen Sie jetzt telefonisch!“).

Nun wird nochmal über die Höhe der Forderung informiert und wie sehr sie nur durch unser Fehlverhalten gestiegen sei. Dabei ist es interessanterweise plötzlich doch möglich, spezifische Daten in den Standardtext einfließen zu lassen, bei der Anrede klappte das offenbar nicht.

Jetzt kommt es an der dramaturgisch völlig richtigen Stelle zum fettgedruckten Höhepunkt: Der Wink mit der Keule „SCHUFA“, deren Namen man übrigens immer in GROSSBUCHSTABEN schreiben muss, damit er angsteinflößender wirkt, sowie auf deren „unten abgedruckte“ Informationen. Wer es nicht wissen sollte, die Schufa GmbH ist einfach nur eine von vielen privaten Auskunfteien, die Ihre Daten aus den Handelsregistern abschreiben und ansonsten auf die Informationen Ihrer Kunden angewiesen sind. Schön hier auch der Ausdruck „Spezialinkassoverfahren“.

Im Abgang dann nochmal der Aufruf zur Zahlung mit Betrag und Frist im Fettdruck und die Drohung mit „weiteren juristischen Mitteln“ sowie die interessante Verwendung von Gedankenstrichen für „von Ihnen geschuldeten“ um quasi noch im Weggehen den moralischen Druck ein bisschen weiter zu erhöhen.

Nun folgen im eigenen Belehrungskasten die angekündigten Schufa-Informationen, die an dieser Stelle eigentlich redundant bzw. sachlich unnötig sind. Sie dienen wohl einzig dem Zweck, die Sache noch ein bisschen aufzublasen und möglichst oft das Wort „SCHUFA“ und „gerichtlich“ unterzubringen. Kurioserweise bekommt der Verfasser beim Datenschutz dann doch ein wenig Angst vor der eigenen Courage.

Kurz und gut, einer der Nachkommen schickte in der unschuldigen Hoffnung, man würde daraufhin vom toten Vater ablassen dessen Sterbeurkunde. Doch da kannte er die DTMI und ihre Entschlossenheit schlecht, auch bei Verstorbenen noch 1,78 zuzüglich inzwischen 60 Euro „Inkasso-Kosten“ einzutreiben. Es ist unklar, wie sie ermittelt wurde aber nun schrieb man die Witwe an.

Diese nutzte indes keinen der eifrig jedesmal mit höheren Beträgen vorausgefüllten Ãœberweisungsträger auf den Rückseiten der Schreiben. Vielmehr überwies sie irgendwann einfach 1,78 Euro, inklusive Zinsen großzügig auf glatte 1,95 Euro aufgerundet mit dem Vermerk „Ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“.

Dieser Vermerk ist wichtig, denn ohne ihn wird mit der Teilzahlung automatisch auch die Gesamtforderung anerkannt. So aber hätte sich selbst die Deutsche Telemedien Inkasso GmbH vor Gericht wohl nur noch blamieren können (falls nicht schon der Fall;). Es folgten weitere, allerdings schon deutlich weniger enthusiastische Briefe der DTMI und der Spuk aus Köln war vorbei.

Smart Birne wechseln

Erst wollte ich mit dem Ding keinen Meter fahren, inszwischen benutze ich den Smart fast nur noch. Er ist in der Stadt einfach zu praktisch, parkt überall und das noch völlig legal. Die Steuer sinkt demnächst auf 27,- pro Jahr (!), eine echte Sparbüchse.

Wehe aber, man möchte jemals eine Scheinwerferbirne wechseln. Beim Versuch, das mal eben an der Tankstelle zu erledigen möchte man nach kurzer Zeit dem Konstrukteur bzw. dem Designer das Auto um den Hals wickeln.

Niemals zuvor habe ich eine derart dämliche Konstruktion gesehen. Die Birnen sind nur durch die sog. „Serviceklappen“ und nur für Menschen mit extrem dünnen Handgelenken, biegsamen Armen und in den Fingerspitzen eingebauten Kameras überhaupt erreichbar.

Nach ca. 10 Minuten gelingt es dem besonders geschickten und geduldigen Smartfahrer, die Schutzkappe zu entfernen und dieselbe dabei nicht in den Untiefen der Karosserie zu verlieren. Weitere 10 Minuten erfordert das Abziehen des richtig schön festsitzenden Kabelschuhs, möglichst ohne sich an irgendwelchen scharfkantigen Teilen den Handrücken aufzuschlitzen.

Ist das geschafft, muss einem nur noch das Kunststück gelingen, die beiden Federbügel links und rechts der Birne zu lösen, wie alles zuvor vollkommen blind versteht sich. Die Bügel müssen leicht in Fahrtrichtung gedrückt und dann in Fahrtrichtung nach links ausgehakt werden. Wenn man vor dem Wagen steht und bis zum Oberarm in der Serviceklappe steckt folglich also nach rechts.

Nun die alte Birne vorsichtig entnehmen und dabei nicht verlieren. Neue Birne mit der großen Kerbe nach oben einsetzen, mit einem Finger festhalten und mit den Verbleibenden die beiden Federbügel wieder einhaken. Kabelschuh wieder aufstecken (geht richtig schön schwer).

Jetzt unbedingt erst Licht einschalten denn in 90% der Versuche sitzt die Birne doch irgendwie falsch herum und leuchtet zum Mond. Sitzt sie richtig, Deckel wieder drauf (10 Min), Serviceklappe zu und tief durchatmen.

Alternativ zu dieser Proze- bzw. Tortur zum nächsten Smart-Händler fahren, dort nimmt man es mit Fassung. Als ich einem Mitarbeiter wortlos eine Ersatzbirne in die Hand drückte schmunzelte er nur und baute sie dank Werksausbildung und täglichem Training in 5 Minuten ein. Meinen angebotenen 5 Euro winkte er mit den Worten „gute Fahrt“ ab. Mein Smart und ich sind wieder versöhnt.